Eigentlich hätte ich es wohl besser wissen müssen. Bereits ihr Erstling „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ hatte mich ja nicht so richtig vom Hocker gerissen. Und hier fand ich wirklich…ich sage mal so: ich lag krank im Bett beim Lesen und wollte etwas Leichtes lesen. Soweit wurde die Erwartungerfüllt, allerdings war mir, auch wenn die Grundidee nicht verkehrt war, das Buch einfach zu aufgebläht, viel zuviele Wiederholungen, die Geschichte kam sehr langsam in Gang und es kam nicht wirklich Lesefieber bei mir auf – die Charaktere blieben mir fremd, ich konnte einige Handlungsweisen nicht nachvollziehen. Ich habe mich beim Lesen teilweise wirklich geärgert und überlegt ob ich vielleicht zu alt für dieses Jugendbuch bin – andererseits bin ich generell durchaus ein Fan von Dystopien und habe mehrere, wirklich gute Bücher dieser Art im Jugendbereich gelesen, ohne mir zu alt vorzukommen. Nein, dieses Buch und ich, wir kommen nicht zusammen und ich werde die Fortsetzungen definitiv nicht lesen.
Mamas Vermächtnis – Herrad Schenk
Ein Mutter-Tochter-Verhältnis aus der ganz anderen Warte. Als ihre Mutter stirbt ist Thea selbst schon fast siebzig – und sieht sich plötzlich einem ganz neuen Leben gegenüber, so ganz ohne „Mamachen“. Herrad Schenk mag ich seit „In der Badewanne“ sehr gern, denn sie hat das Talent, in einen humorvollen Roman noch so einige Zwischenböden an Tiefe und auch Satire einzuziehen – und das ganze noch mit sehr klugen Gedanken zu garnieren. Auch hier nimmt sie den Befreiungsschlag der Tochter zum Anlass, ein ganzes Leben zu beleuchten und vorallem die Frage – was ist Thea denn noch – außer Tochter? Und nicht zuletzt – wer war eigentlich Mamachen? Hat mir wieder richtig gut gefallen!
Fünf – Ursula Poznanski
Ich gebe ganz ehrlich zu: nach den ersten zehn Seiten wollte ich dieses Buch zuklappen und weglegen. Der Funke sprang nicht über, ich fand keinen Halt im Buch und hatte einen hohen Stapel verlockender anderer Bücher. Ich gab mir aber einen Ruck und siehe da: just in diesem Moment kam dann etwas Fahrt ins Geschehen und ich sah mich einem unterhaltsamen Krimi mit ausgefallender Thematik (Geocaching) gegenüber.
Ein bisschen genervt war ich von der weiblichen Ermittlerin, die mir doch in allzuviele Klischees hinein passte. Man sieht, ich bin ambivalent – für die Idee gibt es Punkte, ebenso für die Spannung und Auflösung – da haben wir es mit einem guten Plot zu tun. Trotzdem kam mir dieses Buch manchmal zu oberflächlich daher, was aber bei einem Krimi nunmal nicht die Hauptparameter zur Beurteilung sind. Finde es sehr schwierig, diesen Leseeindruck zu schreiben, denn zu negativ soll er auch nicht klingen – dafür hatte ich dann doch zuviel Lust, immer wieder weiterzulesen. Also: kleine Kritikpunkte, dennoch eine Krimi-Empfehlung für verregnete Samstage und definitiv für Freunde des Geocachings! Und eines hat dieses Buch definitiv geschafft: die Lust am Geocaching zu entfachen ;-)
Man sagt sich mehr als einmal Lebewohl – David Servan-Schreiber
Manche Bücher rühren einen aufgrund der eigenen Biographie mehr an, als andere. Hier kann ich nur für mich, völlig subjektiv und persönlich sagen, es hat mich sehr berührt und demütig werden lassen und beim Lesen habe ich wirklich Taschentücher gebraucht. Es ist ein kleines, schmales Bändchen das Servan-Schreiber kurz vor seinem Tod noch vollendet hat. Indem er über das Sterben schreibt, so schreibt er auch gleichzeitig über das Leben und bei sovielen Gedanken habe ich mich angesprochen gefühlt. Ich empfand es als sehr mutig, dieses Buch zu schreiben, denn der Autor war selbst Arzt und hatte mit seinem „Antikrebs-Buch“ für viel Aufsehen gesorgt. Für mich sehr eindringlich setzt er sich auch mit seiner Umwelt auseinander, die ihm auf unterschiedlichste Art und Weise zusetzt – warum seine eigenen Tipps bei ihm versagen zum Beispiel. Er ist gradlinig und ehrlich, was mir sehr imponiert hat. Er versucht nicht, DEN Weg aufzuzeigen. Er erzählt seine Geschichte. Ich wünsche diesem Buch viele, viele Leser, ob selbst betroffen, Angehörige, Freunde oder Menschen die offen sind für Gedanken, die man sich im alltäglichen Leben so nicht macht.
Beim Lesen dachte ich an eine ganz spezielle Frau, der ich diesen Leseeindruck widme. Und ich bin sicher, wären sie und der Autor zusammen ein Bier trinken gegangen, ihre Ansichten wären die gleichen gewesen. U – Du fehlst immer!
Der Passfälscher – Cioma Schönhaus
Dr Untertitel lautet: Die unglaubliche Geschichte eines jungen Grafikers, der im Untergrund gegen die Nazis kämpfte. Viel passender kann man es kaum beschreiben. Denn die Geschichte ist wirklich unglaublich, die Situation mehr als einmal brenzlig, und lange nicht alle Menschen um den jüdischen Grafiker herum schaffen es wie er, unerkannt zu bleiben. Cioma Schönhaus hatte Schneid (und manchmal ein Gottvertrauen, welches fast schon Leichtsinn grenzte) und hat vielen Menschen durch sein Passfälschen das Leben gerettet. Das Buch lebt durch seine Geschichte, es ist sprachlich und erzähltechnisch nicht wahnsinnig ausgefeilt – allerdings gibt es Themen, bei denen so etwas in den Hintergrund tritt – und auch treten darf. Hier zählt die Stimme eines Überlebenden mehr.
Der Russe ist einer, der Birken liebt – Olga Grjasnowa
Hier hat mich vieles interessiert: der lange Titel, die Protagonistin Mascha die viele Sprachen spricht, die kantig schien, ungewöhnlich, sich mit ihrer Herkunft auseinandersetzt – noch dazu bei einem meiner Lieblingsverlage, bei Hanser erschienen. Und doch bleib dieses Buch blass. Es las sich angenehm, die Geschichte fing verheissungsvoll an…und dann lief es so vor sich her, drehte sich immer weiter und ich fragte mich: Wohin geht es? Was möchte mir die Autorin sagen? Und auch Mascha wird immer konturloser, blasser, ist kaum noch zu fassen. Ich habe das Buch zugeschlagen und gedacht: Hm! Leise Enttäuschung bleibt zurück.
Die Teilacher – Michel Bergmann
Dieses Buch habe ich von einer sehr lieben Freundin empfohlen bekommen. Die Teilacher (eine Bezeichnung aus dem Jiddischen für die jüdischen Haustürvertreter) beschreibt eine Gruppe dieser Händler in Frankfurt nach Ende des Krieges. Wir haben es (aufgrund der Nähe zu Frankfurt) sowieso schon ganz gut verkauft und wie es dann so ist – man will dieses Buch gerne lesen, was so läuft wie geschnitten Brot, es ist aber nicht die rechte Zeit dazu. Nun endlich habe ich es gelesen und fragte mich: Warum nicht schon früher? So ein feines Buch!
Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll: der Mut dieser Männer, zurückzukommen, neu anzufangen? Die jiddischen Begriffe, eine Sprache die mir auf unbekannte Weise nahe geht? Die Chuzpe, mit der geschildert wird, wie sich die Teilacher durchschlagen? Das Erkennen von Straßen, Plätzen, Häusern innerhalb Frankfurts? Die wirklich spannende und bewegende Geschichte, in der sowohl Leid als auch der jüdische Humor immer wieder durchblitzen? Der pragmatische und doch so für sich einnehmende Stil? Es ist ein beeindruckendes Buch und ich freue mich schon auf „Machloikes„!
Das Geräusch einer Schnecke beim Essen – Elisabeth Tova Bailey
Der Titel machte mich neugierig, das schön gestaltete Cover ebenfalls. Als ich dann auf der Website der Autorin der Schnecke beim Essen zuhören konnte (hier!) war meine Neugierde endgültig geweckt! Hier erwartet den Leser eine unerwartete Perspektive…
Die Autorin erkrankt schwer, ist nicht in der Lage sich selbst zu versorgen oder ich ausserhalb ihres Bettes zu bewegen. Eine Freundin bringt ihr, aus einer Stimmung heraus, eine kleine Schnecke als Gesellschaft mit. Was zunächst seltsam anmutet, wird später der größte Halt für Bailey, die extrem unter ihrer Krankheit und Isoliertheit leidet . Sie findet in der Betrachtung der Schnecke Ruhe und Paralellen zu ihrem eigenen Leben. Zudem hat sie später viel über Schnecken recherchiert und mischt interessante Fakten über diese Tiere mit ihren eigenen Beobachtungen. Ich würde nicht behaupten das Schnecken im Fokus meiner Aufmerksamkeit stehen, hier allerdings war ich fasziniert und angetan vom Facettenreichtum dieser Art.
Mich hat angerührt, wie diese Frau sich zurück ins Leben kämpft, und in dieser kleinen Schnecke einen Lebenswillen findet. Es ist nicht wirklich ein Roman, aber eine wirklich toll geschriebene Lebensgeschichte. Lesenswert!
Ewig Dein – Daniel Glattauer
In der gewohnt charmanten Manier von Glattauers Romanen beginnt diese augenscheinliche Liebesgeschichte – ein Kennenlernen, ein Kribbeln, ein neuer Mann im Leben von Judith, der liebenswürdige, sehr verliebte Hannes. Nach dem großen Erfolg seiner beiden Emmi&Leo-Romane hätte Glattauer auch einfach wieder eine Liebegeschichte der „üblichen“ Art schreiben können – er hat jedoch alles richtig gemacht und genau das nicht getan! Statt dessen schleicht er sich auf ungewohnt spannende Pfade, baut langsam eine gewisse Bedrohlichkeit auf und haut dem Leser seine Erwartungen um die Ohren. Und das liest sich einfach gut und abwechslungsreich, denn auch der Humor kommt durch einige wirklich herrlich karikierte Nebenfiguren nicht zu kurz. Mal etwas ganz anderes, überraschendes – hier kommen sowohl Fans vom Autor als auch jene, die ihn noch nicht kennen, auf ihre Kosten!
Für den Rest des Lebens – Zeruya Shalev
Voller Wucht und Eindringlichkeit schildert Zeruya Shalev die Facetten einer Familie über 3 Generationen – in einer bildhaften, wundervollen Sprache die einen berührt zurücklasst…Meine erste Shalev und ganz sicher nicht meine letzte! Ja, man braucht einige Tage (und Ruhe!) für das Buch, weil es wirken muss – die Sätze sind lang, manches Mal fast ohne Anfang und Ende, aber genau das ist es was für mich den Reiz des Romans ausmacht.
Unbedingt erwähnen muss man die Tiefe, in die Shalev uns mitnimmt, intensiv spürt man den so oft schmerzhaften Gefühlen der Protagonisten nach. Eine Betrachtung der Familie, 3 eigenwillige Figuren und auch wenn viel Schweres den Roman bewohnt, so finden sich hier und dort doch kleine, wunderschöne Betrachtungen und Wörter und bilden so gemeinsam ein großes, sehr rundes Werk. Ein ganz wichtiger Lesetipp!