Wie kein zweiter Autor den ich bisher gelesen habe, versteht sich Barnes darauf, Beziehungsgeflechte genau zu sezieren. Seine Spezialität: das Erleben der einzelnen Figuren in dieser Dreiecksgeschichte gegeneinander zu stellen und immer wieder die Frage an den Leser zu richten: gibt es eine allumfassende Wahrheit? Oder ist es nicht vielmehr so, dass unsere Wahrnehmung und unsere Erinnerungen und Empfindungen nur von uns aus genau dieser Perspektive gefühlt werden können? Und je mehr man von Barnes liest, desto mehr merkt man: nein, es gibt kein Richtig, Falsch oder auch nur eine objektive Wahrheit. Ein Buch von ihm lässt einen nachdenklich zurück, lässt einen Sätze mehrfach lesen – und fordert heraus. Allerdings eine Herausforderung, die ich nur allzugerne annehme!
Die Penderwicks am Meer – Jeanne Birdsall
Die Penderwicks (von denen es bereits 2 Bände gab die ich heiss geliebt habe!) stehen für mich für eine ganz spezielle Art des Kinderbuchs. Es ist eine Herausforderung geworden, Kinderbücher zu schreiben, die weder traurige Themen scheuen, aber auch nicht davon beherrscht werden. Und in denen keine fantastischen Elemente Einzug halten – in denen aber auch nicht die ganze Welt ein Strom langsam dahinplätschernder positiver Ereignisse ist. Die Penderwicks sind 4 Schwestern, die man schon nach den ersten Seiten direkt vor seinen Augen sieht und sofort ins Herz schließt – und was sie zusammenhält, was sie stark macht, das sind sie eigentlich selbst – mit allem Mut, Lachen und Freundschaft. Wiedermal ein ganz wunderbares Leseerlebnis. Ich freue mich so auf die weiteren Bände und bin mir sicher: diese Bücher werde ich meinen Kindern wieder und wieder vorlesen.
Mit Haut und Haaren – Arnon Grünberg
Hier wird das Konzept einer Dreiecksbeziehung enorm ausgeweitet – hier wird eine von der modernen Welt stark geprägte Beziehungsgeschichte mit vielen Beteiligten durchaus ausführlich (ein wenig Geduld braucht man dafür ehrlicherweise schon) geschildert – und wie wir es von Grünberg gewohnt sind, steuert schon in den ersten Kapiteln alles darauf hin, dass seine Figuren scheitern. Wie sie das tun – wird virtuos und mit einem Gespür für Timing erzählt. Grünberg mag Verzweiflung, er mag Menschen die von ihren innersten, verheererenden Wünschen getrieben werden, er mag Katastrophen. Und so düster es jetzt auch klingt – es ist für den Leser dennoch immer wieder ein Erlebnis, ihn dabei zu begleiten.
Everlasting: Der Mann der aus der Zeit fiel – Holly-Jane Rahlens
Das erste was an diesem Buch ins Auge sticht, ist das herrliche Pink des Covers, knallig und verspielt. Schnell merkt man aber, dass sich dieses Buch weder in ein Genre einordnen lässt, noch das man vorschnell ein Urteil fällen sollte – hier steckt viel drin und vorallem ist es ein echter All-Age-Titel und nicht nur Jugendliche sollten hier zugreifen!
Holly Jane-Rahlens beschreibt eine Zukunftsvision im Jahre 2264, in der Deutsch eine alte, tote Sprache darstellt, die von nur wenigen beherrscht wird. Die Menschen verständigen sich über eine Art Computer in ihren Köpfen, Schreiben ist eine altmodische Sache und wird kaum praktiziert. Als Finn, ein Historiker und Experte für Deutsch anfängt ein Teenie-Tagebuch einer gewissen Eliana zu übersetzen, welches Aufsschluss über die damalige Zeit geben soll und daraufhin zu einer gewagten Mission, in die Zeit zurück geschickt wird, landet er in Berlin – des 21. Jahrhunderts!
Rahlens schreibt gewohnt humorvoll, wird dabei aber nie oberflächlich oder flapsig, vielmehr lässt sie in leisen Tönen auch gesellschaftskritische Ansätze anklingen. Mit großem Vergnügen habe ich die Geschichte zwischen Finn und Eliana, verfolgt. Viel Sprachwitz steckt in den Wortspielereien und Erklärungen die ganz wunderbar mehrere Sprachen vereinen und von der Liebe der Autorin zum Wort zeugen. Ihre Freude am Detail zeigt sich auch in den Beschreibung der futuristischen Gesellschaft und den Schwierigkeiten, die Finn im ungewohnten Berlin meistern muss. In diesem Roman findet sich eine Zukunftsvision, Romantik, eine ordentliche Portion Witz und eine spannende Geschichte, bei der man nicht aufhören will – ein toller Schmöker, den ich wirklich sehr gerne empfehle!
Alberta empfängt einen Liebhaber – Birgit Vanderbeke
Ein kleines, schmales Bändchen…ich wollte mal etwas von Vanderbeke probieren. Einerseits hat es mich durchaus angesprochen, eine schöne Sprache – leider war der Inhalt für mich eher sperrig, vage, es kam nicht so richtig an mich ran. Vielleicht auch der gewünschte Effekt, wissen die Figuren doch auch nicht recht, wohin mit sich. Da ich nicht genau wusste, wie ich es beurteilen soll, bin ich ein wenig auf die Suche nach anderen Rezensionen gegangen und habe aufs Geratewohl einen Veriss gefunden, der ziemlich genau traf, was mich störte – und dann eine überschwängliche Rezension, die die Punkte herausstellte, die für mich dieses Buch eben doch durchaus lesenswert machten. Anscheinend muss ich einfach gespalten bleiben und dem Buch beides zugestehen ;-)
Mein fast perfektes Leben – Jonathan Tropper
Ein Mann versucht den Tod seiner Frau bei einem Flugzeugabsturz zu verarbeiten. Eigentlich die ganze Handlung in einem Satz. Oftmals mit recht lapidarer, etwas krampfig wirkender „Lässigkeit“ geschrieben … dann wieder ein kleiner besonderer Satz dazwischen, eine kleine Handlungssträhne die dieses Buch wieder aus der Mittelmässigkeit hervorheben will … allerdings so richtig klappt es nicht und es bleibt ein eher klischeebesetzter Roman. War schnell gelesen und auch soweit ganz „nett“ – aber definitiv kein Lese-Muss für mich.
Wenn das Schlachten vorbei ist – T.C. Boyle
Ein Roman der mich mit der Wucht einer Naturgewalt getroffen hat und lange nachhallte. Weil er mich mit einem Thema beschäftigt hat, was sonst eher am Rande meine Aufmerksamkeit erhält – der Kampf zwischen Tierschützern und Natur- und Artenschützern. Jeder ist auf seine Weise überzeugt davon, dass „Richtige“ zu tun. Und dazwischen – die Natur, die doch immer noch nicht komplett zu bestimmen, zu zähmen ist….so sehr der Mensch es sich auch einbildet.
Was die Faszination dieses Romans ausmacht, ist wohl, dass Boyle uns tief in die Materie mitnimmt, er lässt uns teilhaben an den Gedanken, Beweggründen, inneren Sehnsüchten seiner (nicht unbedingt sympathischen) Figuren. Und man fühlt sich hin und hergerissen: wer hat denn nun Recht? Gibt es ein Richtig oder Falsch? Man wird ständig vor moralische und ethische Fragen gestellt. Noch dazu kann Boyle einfach toll schreiben – nicht selten habe ich lange Satzkonstrukte einfach nur bewundert – was für ein toller Stil! Dieses Buch hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen und mich noch länger begleitet.
Der Sohn – Jessica Durlacher
Meine erste Begegnung mit dieser Autorin und nach der Lektüre kann ich sagen – ganz sicher auch nicht meine letzte! Durlacher beschreibt eine Familie die in einen Strudel von Ereignissen gerät, die diese zunächst nicht einordnen kann – und die doch zusammenhängen und deren Gründe weit in die Familienvergangenheit zurückreichen. Beklemmend mit vielen Spannungsmomenten und so packend geschrieben, dass ich teilweise fast das Gefühl hatte, einen Thriller zu lesen. In diesem Familiendrama greifen die unterschiedlichen Rädchen der Geschichte lückenlos ineinander über, genauso wie mich viele der sehr direkten, ehrlichen Beobachtungen dieser Menschen berührt haben und ich so manche Sätze zweimal las. Definitiv ein Lesetipp!
Vango: Zwischen Himmel und Erde – Timothée de Fombelle
Über dieses Jugendbuch gerate ich ins Schwärmen, weil es sich wohltuend von vielen anderen abhebt! Hier nimmt einen die Geschichte wirklich mit ans Geschehen: auf eine winzige Insel, nach Großbritannien, Frankreich, Italien, Deutschland – aus vielen Perspektiven setzt sich die Geschichte von Vango nach und nach zusammen. Und es ist rasant, es ist unheimlich spannend und noch dazu historisch interessant ohne dröge oder belehrend zu wirken. Mich jedenfalls hat die Geschichte nach einer Hörprobe die ich im Deutschlandfunk (sehr empfehlenswert übrigens der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur!) gehört habe, nicht mehr losgelassen, das Buch musste her! Ein spannender, wirklich toll geschriebener Abenteuerroman für Jugendliche ab etwa 13 (und ich versteige mich zu der Behauptung, dass dieses Buch durchaus auch lesefaule Jungs begeistert). Der zweite Teil wird hoffentlich bald fertig übersetzt sein – ich möchte unbedingt wissen wie es mit Vango weitergeht!
Flavia de Luce: Mord im Gurkenbeet – Alan Bradley
Lustigerweiser wollte ich meinen Leseeindruck mit „britischer Humor“ beginnen. Allerdings – der Autor ist Kanadier ;-) Nunja, abgesehen vom Humor (der also entweder angelesen oder einfach kanadisch ist, wer weiss? ) hat er eine herrlich schräge Krimi-Geschichte, angesiedelt in Großbritannien geschrieben und Flavia, die etwas anders ist, als die meisten Jugendlichen, eroberte mein Herz schnell. Nette Krimihandlung, ein bisschen Spannung, ein bisschen Rätselraten und die dubiose Familie rund um Flavia machen es zu einem schönen Schmöker für Menschen wie mich, die selten zu einem „normalen“ Krimi greifen!