Wir werden zusammen alt – Camille de Peretti

Ein Tag in einem Altersheim – viele Bewohner, viele Zimmer, viele Lebensgeschichten. Ein bunter Querschnitt durch das Treiben und die Gefühlswelt aller Beteiligten. Es hat mich ganz gut unterhalten, aber irgendetwas stimmte nicht, ich konnte den Finger nicht darauf legen. Am Schluss wurde das Rätsel enthüllt. Die Autorin hat sich einer Methode bedient, in der die Autoren bestimmte Regeln (zum Teil folgt es mathematischen Formeln) zum Schreiben einhalten müssen. So hat sie den Erzählstrang zum Teil errechnet, was zuerst passiert, welches Zimmer zuerst erzählt wird, teilweise gab es auch Vorgaben von bestimmten Details die einfließen müssen.

Unter diesem Aspekt fand ich das Buch wirklich gut gelungen, es ist sicher schwierig diese Bedingungen einzuhalten. Aber es wurde mir auch klarer, warum mich die Geschichte nicht packte: es war ein Ablauf, ein Herunterspulen und es fehlte das große „Herzstück“ welches einen Autoren antreibt, eine Geschichte zu erzählen. Unter literarischen Gesichtspunkten sicher einen Blick wert, viel Eindruck hat die Geschichte oder eher die Geschichten an sich nicht bei mir hinterlassen.

Die unglaubliche Pilgerreise des Harold Fry – Rachel Joyce

Eigentlich ist hier von Anfang an alles klar – alter Mann, kranke Freundin die er aus den Augen verlor, alter Mann läuft nach dem Erhalt dieser Nachricht los, Kurzschlussreaktion, solange er läuft, kann seine alte Freundin nicht sterben, so sein inneres Flehen. Man könnte fast sagen: netter Roman, nichts aufregendes oder gar „vorhersehbar“. Aber so einfach macht es Joyce einem nicht. Da ist auch Harolds Ehefrau, die sich während der Reise Gedanken über ihre Ehe macht. Da sind die Gedanken an den gemeinsamen Sohn, die beide unabängig voneinander denken. Da ist Harold, der überhaupt nicht für eine solche Reise gerüstet ist. Da sind die unterschiedlichsten Menschen, die Harold auf seinem Weg weiterhelfen, die mich berührt haben. So einiges passiert auf diesem langen Fußmarsch, womit man so dann eben doch nicht rechnen konnte – ein Zeichen für Qualität und doch mehr als nur ein „netter“ Roman.

Tobie Lolness – Timothée de Fombelle

Tobie ist winzig klein und sein ganzes Universum besteht aus einem einzigen Baum, auf dem seine Familie und viele, viele andere Baumlebewesen leben. Doch eines Tages gerät seine Familie in große Schwierigkeiten und Tobie ist auf sich allein gestellt. Es liest sich nett, einige schöne Ideen sind drin und doch hat mich das Buch nicht vollends fesseln können – woran es lag, weiss ich garnicht genau zu sagen. Durchaus eine Leseempfehlung für fantasievolle Kinder, ich muss den zweiten Teil aber nicht mehr unbedingt lesen.

Pampa Blues – Rolf Lappert

Jeder der auch nur ansatzweise auf einem Dorf großgeworden ist, wird sich in diesem Roman ein wenig wiederfinden. Unaufgeregt erzählt Lappert eine kleingroße Geschichte: vom Erwachsenwerden, dem Drang etwas besonderes sein zu wollen, die Suche nach dem Platz für sich selbst im Leben, von Verpflichtungen, von Liebe. Und einem skurrilen Dorf, wie wir wohl alle eines kennen. Liest sich gut, macht sich gut.

Mary Ann im Herbst – Armistead Maupin

Mit einigem zeitlichen Abstand hat er es doch noch getan: den achten Teil der Stadtgeschichten geschrieben. Und ich kann Maupin einfach nur danken. Er schafft es, diese Reihe, die ich sehr ins Herz geschlossen habe, angemessen weiterzuführen: und er bewahrt ihren Charme, scheut sich aber genausowenig davor, das aktuelle Leben in San Fran einzuflechten und auch die heutigen Problematiken und Lebensweisen. Dem allein gebührt mein größter Respekt. Ein Muss für Fans!

Straßen von gestern – Silvia Tennenbaum

Was mich dazu bewog, dieses Buch näher anzusehen? Ein schön gestaltetes Cover, im Begleittext wurde Frankfurt erwähnt, der Titel klang gut. Als noch dazu dieses Buch für „Frankfurt liest ein Buch 2012“ ausgewählt war und ich beim ersten Satz schon merkte – wir werden Freunde – war die Sache klar. Ein Familienepos in Frankfurt, welches seine besondere Wirkung vorallem durch die lange Zeitspanne, die wir die Familie begleiten, entfaltet. Man wächst mit den Figuren, verfolgt ihre Werdegänge, das Wirken der Familienoberhäupter, Liebe, Leid und Verwicklungen. Wahrhaft ein bildreicher, satter, voller Roman – ein bisschen Zeit muss man sich nehmen, dünn ist dieses Buch nicht gerade. Aber jede investierte Minute lohnt sich!

Finn released – Oliver Uschmann

Ich mag die Figuren von diesem Autor einfach unheimlich gern. Genauso wie die Geschichten die er sich ausdenkt. Also eigentlich alles. Und überhaupt: nun hat er schon wieder ein tolles Jugendbuch geschrieben, welches mich unterhalten hat, amüsiert hat, mit glaubhaften Jungs, einer verrückten Spielidee und dem Quentchen Verrücktheit, dass es braucht damit man ein Buch so richtig wegzischt. Oliver Uschmann, Sie müssen damit aufhören, mir fällt langsam nicht mehr ein, wie ich noch sagen soll: ihre Bücher sind genial! Mehr davon!

Muttergefühle. Gesamtausgabe – Rike Drust

Im allgemeinen sind Mutterberichte ja etwas äusserst subjektives. Das eigene Leben und Erleben wird wohl niemals eines dieser Bücher in seinen Beschreibungen zu 100% treffen. Trotzdem, es gibt Unterschiede – und Rike Drust schneidet bei mir gut ab. Oftmals fühlte ich mich verstanden, hatte ich ähnliches erlebt und gerade ihre Einstellung zum Arbeiten mit Kind fand ich spannend (ein Thema, welches noch nicht allzuoft beackert wurde – leider!). Manchmal war sie mir fast ein wenig zu rotzig-trotzig, aber ein wenig provozieren will ein solches Buch ja auch. Gute Lektüre, wenn man gerade viel  zu wenig Schlaf abbekommt, der Haushalt überhand nimmt und man sich einfach mal ein wenig in elterlicher Solidarität wiegen möchte.