What we talk about, when we talk about Anne Frank – Nathan Englander

Ein Buch, das lange nachhallt ist für dieses Werk fast zuwenig gesagt – an einige Geschichten erinnere ich mich nach Monaten noch und an das Gefühl der Gänsehaut und Bewegtheit beim Lesen. Ich bin kein großer Kurzgeschichtenfan, diese haben mich aber nicht nur begeistert, sondern auch nachdenklich werden lassen. Das Buch habe ich mehrfach verschenkt, behandelt es doch soviele große Themen: Schuld, Verantwortung, Liebe, Freundschaft, Sterben, Gerechtigkeit und den Spagat, den wir alle in der heutigen Zeit zwischen Ethik, Moral, unserer Geschichte, Religion und dem Zeitgeist machen. Sehr, sehr beeindruckend und ganz sicher nicht mein letztes Buch dieses Autors.

Verdächtige Geliebte – Keigo Higashino

Ein Krimi, bei dem man von Anfang an weiss, wie der Mord passierte. Das Angebot eines perfekten Alibis. Die Ermittler auf der falschen Fährte. Und dann kommt alles anders, so anders als gedacht und der Leser bleibt fasziniert zurück. Für mich, die ich ja wenig Krimis lese, ein aussergewöhnlich tolles Leseerlebnis, sehr spannend, intelligent und mit grandiosem Ende. Krimi des Jahres 2012!

Ein plötzlicher Todesfall – J.K. Rowling

Mit Spannung habe ich die neue Rowling erwartet – wie soviele andere auch. Abschliessend kann ich sagen: ich war lange nicht so enttäuscht, wie ich (laut diversen Zeitungen) hätte sein müssen, leider aber auch nicht so begeistert, wie ich hätte sein können. Rowling hat einen großen Gesellschaftsroman geschrieben und sie hat sich damit freigeschwommen, indem sie alles hineingepackt hat: sie provoziert und ist unheimlich plakativ das kann einem schnell zuviel werden. Trotzdem hat es mir Spaß gemacht, Schicht um Schicht die Personen des Dorfes zu enthüllen, Rowling tut ihren Helden ganz schön was an… das Buch hat definitiv einige Längen, zieht zur Mitte hin aber nochmals an und der Schluss ist heftig und liess meine Gesamtwertung nochmals steigen. Einige Figuren und Szenerien sind ihr unheimlich gut gelungen, da ziehe ich den Hut vor ihr. Ich freue mich auf ihr nächstes Buch, weil dieses sich dann nicht mehr so stark „abgrenzen“ muss von Harry Potter – und dann wohl ziemlich sicher meinen Geschmack treffen wird.

The Curious Incident of the Dog in the Night-Time – Mark Haddon

Eines der Bücher, die ewig und drei Tage im Regal standen, seit ich es vor wirklich Ewigkeiten in einem kleinen Dubliner Antiquariat gekauft habe…und es endlich erlöst zu haben, war eine gute Entscheidung. Ich hatte noch nie etwas von Haddon gelesen und glaube, es ist der perfekte Einstieg: skurril, ernsthaft, witzig und ungewöhnlich. Hab ich gerne gelesen!

Amy on the summer road – Morgan Matson

Ein Roadtrip ist ja ein vielstrapazierter Begriff in der Literatur. Diesmal passt er allerdings wunderbar auf dieses Jugendbuch. Im Verlauf dieses eher unfreiwillig begonnenen Trips werden sich die beiden Fahrer des Wagens sehr viel näher stehen als zu Anfang…Das Buch besticht durch seine Gestaltung: Musiklisten, Eintrittskarten, Infos zu Bundesstaaten, Speisekarten, Fotos und vieles mehr lassen den Leser gedanklich mitreisen und bringen einen näher ans Geschehen, als reiner Text es könnte. Ein wirklich schmökeriges Jugendbuch für den Sommer, mit einer leisen Liebesgeschichte, auch ein wenig traurig aber vorallem einfach schön und mit viel Humor geschrieben!

Ich nannte ihn Krawatte – Milena Michiko Flašar

Hat mir sehr, sehr gut gefallen. Ich hatte Gänsehaut, Tränen in den Augen – hier gehts um alles. Um das Leben, ums Überleben, mich hat es sehr berührt. Die Autorin malt in einer ganz unaufgeregten und doch poetischen Sprache so große Bilder. Hier treffen sich zwei Menschen, die der Gesellschaft verloren gegangen sind – im gemeinsamen Dialog finden die beiden ein wenig Halt im anderen und vielleicht auch ein wenig Weisheit. Dieses Buch ist so tieftraurig und auf der anderen Seite von so fragiler Schönheit… dieses Buch hat mich verändert und es wird auch andere Leser verändern, da bin ich mir sicher.

die laute – Michael Roes

Noch ein Buch, welches ich von der Longlist des Deutschen Buchpreises 2012 gelesen habe. Ich war auch ziemlich enttäuscht, dass es nicht auf der Shorlist landete, es hatte zwar harte Konkurrenz, aber hätte es durchaus verdient gehabt. Die Geschichte einer gehörlosen Komponisten klang für mich schon so abstrakt, dass ich allein deswegen das Buch lesen wollte – und es hat sich gelohnt. Die Leseprobe führte mich in eine der beiden Erzählstränge, die Gegenwart des Protagonisten, der versucht, sein Leben zu führen, seiner Begabung nachzugehen, seiner Musik und damit mehr als einmal aneckt. Diese Episoden haben mir recht gut gefallen – was das Buch für mich aber wirklich sehr lesenswert machte, waren die Kindheitserinnerungen des Komponisten, die mich stark (und damit lehne ich mich sicher aus dem Fenster, aber gut) an Khaled Hosseinis „Drachenläufer“ erinnerten. Was für eine Sprache, was für eine Geschichte, ich habe mitgefiebert, mitgelitten, mitgeträumt und eine mir fremde Welt fast berühren können, während ich lesend in ihr versank. Wirklich aussergewöhnlich und ganz unbedingt eine Leseempfehlung von mir!

Indigo – Clemens J. Setz

Die Kurzbeschreibung sowie das erste Presseecho, was ich las, hatten mich nicht gerade ermuntert. Die Leseprobe hingegen sehr. Also habe ich mich darauf eingelassen und habe es nicht bereut: Setz bricht ein wenig die „Literatur, die wir kennen“ auf – er arbeitet mit unterschiedlichen Textarten/Schriften/Zetteln/Notitzen – (was mich zuvor abschreckte, machte im Roman einfach nur Sinn) und man lässt sich auf eine wilde Geschichte ein, die einen Sog entwickelte, dem ich mich nicht entziehen konnte. Spannendes Spiel um Wahrheit, Erleben und geheimnisvoll – ob zum Schluss alle Fäden zusammenlaufen, vermag ich nicht zu sagen, aber das Buch hat es in sich! Er hat mich durch seine neue Art, Literatur zu interpretieren überzeugt. Das Buch wagt etwas und trotzdem liest es sich nicht anstrengend sondern sehr fesselnd. Noch dazu wunderbar gestaltet, innen und aussen.

 

Fliehkräfte – Stephan Thome

Das Buch hat mich fast das ganze Jahr 2012 begleitet – zunächst als Leseexemplar im Frühjahr und wachsender Freude beim Lesen, dann, als die Kollegen es alle nacheinander lasen und aus den unterschiedlichsten Gründen begeistert waren, als wir es bei unseren Lieblingsbüchern vorstellten, als die Nominierung für den Deutschen Buchpreis kam und die Shortlist. Erschienen bei Suhrkamp, toll erzählt und gut zu lesen, eine Geschichte, die viele unterschiedliche Menschen ansprechen kann und es auch tat. Thome ist ein Glücksfall – er schreibt literarisch und doch nicht zu abgehoben, seine Figuren wirken so lebensnah und es bleibt schlicht zu sagen: das Buch lohnt sich einfach sehr!

Sand – Wolfgang Herrndorf

Meine Meinung ist sehr, sehr zwiegespalten. Obwohl ich zu Anfang dachte: Mensch, liest sich ja doch ganz gut, so kamen mir im Verlauf des Buches immer mehr Zweifel, ob mir „Verwirrung“ auf allen Seiten (Leser, Autor, Protagonisten) als Stilmittel reicht. Am Schluss hat es mich regelrecht wütend gemacht, auch als ich im Anschluss Interviews las, Prognosen von literarischen Persönlichkeiten, über das Warum des Buches. Irgendwie eine Neuauflage von „Des Kaisers neue Kleider“, so kam es mir vor. Dieses Buch ist Roman, Krimi, Thriller, Verwirrspiel, Komödie – aber nichts halbes und nichts ganzes. Die Fäden verwirren sich so sehr – ich verzeihe es wenigen Autoren, wenn sie mich im Unklaren lassen, dafür muss mich das vorherige Leseerlebnis schon sehr beeindrucken. Herrndorf mag hier ein literarisches Experiment gestartet haben, was für ihn eventuell wirklich spannend und auch amüsant zu betrachten war: ich fühlte mich aber auf leise Art und Weise ausgenutzt: ich erwarte einen Roman, der mich unterhält, interessiert, fasziniert und trete doch nur auf der Stelle, in der Dunkelheit meiner Verwirrung. Mhm. Zumindest hat er eines geschafft: starke Gefühle erregt – aber ob Ärger und Enttäuschung so das richtige sind?