Safier stellt in seinem Roman, in dem er gewohnte Wege verlässt, eine Frage in den Vordergrund: Was für ein Mensch will ich sein? Es ist ihm anzurechnen, dass er aus persönlichen Gründen über eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte erzählen will. Ich kann mir vorstellen, dass er mit seinem Stil und seiner Perspektive vorallem Jugendliche ansprechen wird, denn eine gewisse Spannung und vorallem die Entscheidungen seiner jungen Protagonisten stehen im Vordergrund. Für mich ist aber genau da auch der Haken – ich find es schwierig, über eine wirklich grausame, menschenverachtende Zeit zu lesen und gleichzeitig das Gefühl zu haben, dass der Leser möglichst durch die erzeugte Spannung am Ball bleiben soll.
Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar – Louise Welsh
Was haben wir hier – einen Krimi, einen Roman? Endgültig kann ich das Buch nicht einordnen, wohl aber meinen Eindruck. Es geht unter die Haut, schraubt die Spannung geradezu aufreizend langsam hoch, während man selbst schon nicht mehr weiss – ist es Einbildung oder spüren wir auch wie uns die Bedrohung beim Lesen langsam Gänsehaut verursacht? Stark!
Das Huhn, das vom Fliegen träumte – Sun-Mi Hwang
Schon in meiner Schulzeit empfand ich Fabeln als eine der schönsten Gattungen, die die Literatur so hervorgebracht hat. Demnach hatte ich mich auf dieses Buch, mit seinen feinen Zeichnungen, sehr gefreut. Nachdem ich es allerdings eher ratlos nach dem Lesen zur Seite legte und wochenlang einhellig begeisterte Rezensionen las, kann ich leider nur schulterzuckend sagen: mich hat die tiefsinnige Botschaft offensichtlich nicht erreicht. Hier und da erreicht die Geschichte ein paar nette Ansätze, zieht sich dann aber wieder in die Länge und die abschliessende Moral bleibt für mich eher im Dunkeln – zuviel gewollt, zuviel hineingepackt?
Alles, was ich bin – Anna Funder
Ich versuche, meine Worte mit Bedacht zu wählen. Denn ich habe hier beileibe kein Buch vor mir liegen, welches mich nicht interessiert hätte. Und doch tat ich mich schwer. Was sicherlich nicht am Schicksal der Figuren lag: jeder einzelne Mensch, der soviel erleiden und durchstehen musste, hat verdient, dass seine Geschichte erzählt wird, seine Stimme gehört wird. Vielleicht hätte mich der Text als Sachbuch mehr angesprochen (die Autorin hatte mit „Stasiland“ bisher ja auch als Sachbuchautorin Erfolg), als Roman empfand ich ihn teilweise etwas sperrig, er lief nicht rund. Möglicherweise lag hier die Schwierigkeit, denn sie arbeitete sowohl mit der wahren Begebenheit und Quellen, als auch mit Fiktion um die Lücken zu füllen.
Das letzte Land – Svenja Leiber
Ein Junge, der Töne sehen kann. Ein Talent auf der Geige. Es könnte der Beginn einer großen Karriere sein: wäre der Junge nicht Sohn eines Stellmachers in der tiefsten Provinz. Ein Roman mit starker Melodie und einem Musiker, der sich vom Leben nicht brechen lassen will – entgegen allen Widerständen.
Die Gottespartitur – Edgar Rai
Hier muss ich eigentlich zwei Leseeindrücke formulieren: die zu Beginn stehende Satire auf den deutschen Literaturbetrieb und diejenigen, die ihn bevölkern und beleben – klasse! Spritzig und spitzfindig, einwandfrei getroffen. Die spätere Entwicklung der Ereignisse – da wurde es für mich dann eher zäh – und das, obwohl mich die Thematik Religion und Musik durchaus interessieren.
Der Allesforscher – Heinrich Steinfest
Jetzt wird es schwierig. Seit Jahren gibt es eingeschworene Steinfest-Fans in unserem Buchladen. Als dieses Leseexemplar hereinflatterte dachte ich: Nun, das wird jetzt dein erster Steinfest. Und insofern kann ich meinen begeisterten Kunden Recht geben: dieser Autor hat etwas Außerordentliches. Dieses Buch war geradezu irrwitzig und über weite Strecken habe ich es mit Vergnügen gelesen, habe die wilden Wenden und scheinbar wahllos eingestreuten Begebenheiten (die sich schlussendlich zum großen Ganzen fügten) atemlos verfolgt. Warum das Aber? Weil mich die Figuren nicht erreicht haben. Ich sah sie nicht vor mir, sie blieben mir fern. Ob das nun ein Kriterium sein sollte? Am besten – selber lesen!
Bäume reisen nachts – Aude Le Corff
Französische Romane haben für mich ganz häufig einen bestimmten Klang, eine spezielle Art von Charme. Auch hier verspürte ich dieses Flair, was leider im Verlauf des Romanes deutlich abnahm. Was eigentlich eine Geschichte über Freundschaft hätte werden sollen, zerfasert, wird blasser. Trotzdem nett zu lesen.
High Fossility – Nadja Klinger
Eine fein gezeichnete Reportage eines außergewöhnlichen Chores, bei der nichts ausgespart wird: die schwierigen Zeiten, das Knirschen im Getriebe, aber auch der Spaß am Singen und die bemerkenswerten Menschen (alle über 60, was als Bedingung zum Mitsingen gestellt wurde) die diesen Chor zustandebrachten.
Kings of Nowhere – T.J. Forrester
Seitdem ich Picknick mit Bären von Bill Bryson gelesen habe, fasziniert mich der Appalachian Trail. Klar also, dass ich dieses feine, kleine Buch aus dem Blumenbar-Verlag aus dem Regal fischte. Drei Außenseiter auf einer Reise zu sich selbst – wohin diese führen wird, das wissen die Wanderer selbst nicht. Aber dass dieser Roman weit entfernt ist von Erleuchtung und spiritueller Selbstfindung – das kann ich euch sagen. Stattdessen ein wilder Ritt in Wanderschuhen, voller Angst, Drogen, Zweifeln und den Gedanken&Nöten derer, die am Rande des Trails leben.