Nun endlich las ich den ersten Roman von Stephan Thome und auch dieser hat mich begeistert. Auch wenn ich selbst durchaus in einer sehr überschaubaren Kleinstadt aufgewachsen bin, so sind mir Festivitäten wie der Grenzgang doch eher fremd. Und doch: selbst wenn man Stadtmensch durch und durch ist, bringt Thome einem die Atmosphäre näher, die eingeschworene Kleinststadtgemeinschaft, das Rucken der Vorhänge, das Klein auf Klein und das Ausbrechen und Zurückkehren. Was er ebenso meisterhaft schafft, ist aus der Perspektive einer 40jährigen Frau zu schreiben, das hat mich wirklich fasziniert, es geht weit über „Ruft er an?“ hinaus, mitten hinein in die Ängste und Zweifel dieser Frau, ihrem Umgang mit ihrem maulfaulen Sohn, dem Ex-Mann und seiner neuen Freundin, der pflegebedürftigen Mutter. Und das Lob, was seine Dialoge angeht, kann ich nur ebenfalls wiederholen, diese sind schnell, intelligent und authentisch. Ich freue mich schon sehr, wenn ich irgendwann ein drittes Buch von diesem talentierten Autor lesen darf!
Schlagwort: Roman
Der Teezauberer – Ewald Arenz
Eine kleine, magische Novelle, ein Träumerstück über Tee, eine Liebesgeschichte.
Die Selbstmordschwestern – Jeffrey Euginides
Ich werde ganz sicher nicht leugnen, dass es an mir liegt – aber ich konnte mit diesem Buch so wenig anfangen. Es bleib für mich schwer greifbar, es schlüpfte mir so oft aus der Hand, aus meinen Gedanken. Allein, nicht genau zu wissen, wer die Erzähler sind. Und auch die, ja, geradezu Obession, mit der die Schwestern beobachtet wurden, war mir zu voyeuristisch, viel zu intim. Es ist immer schwierig, ein Buch zu lesen, in dem man sich mit keiner der Figuren auch nur ansatzweise identifizieren kann. Obwohl ich ein Faible für schräge, skurrile Figuren habe – hier bin ich deutlich an meine Grenzen gestoßen.
Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme eine Schickse – Thomas Meyer
Herrlich unterhaltsam. Das Buch ist nur so gespickt mit jiddischen Ausdrücken, was meinem Mann und mir einige nette Abende beschert hat, in denen ich versucht habe, einige Szenen laut vorzulesen. Jiddisch ist eine spannende Sprache, eine lebendige, die sich, je nach Standort auch deutlich unterscheidet. Ein ganzes Buch in diesem Tonfall zu schreiben – klasse! Und Wolkenbruchs Reise, hin und hergerissen zwischen seiner Mame, dem Judentum, den Schicksen und seinem Glauben – man folgt ihm gern.
Nach allem, was passiert ist – Sophie Columbeau
Eine Teenager-Idee, ein großes Aufflackern der Hormone und der Absturz danach: aus den Köpfen der Beteiligten heraus wird nach vielen Jahren versucht, die eigentliche, die wirkliche Wahrheit herauszufinden über diese eine, wilde Nacht der vier jungen Leute. Und der Leser? Weiss am Ende, dass es die eine, die objektive Wahrheit schlicht nicht geben kann. Unterhaltsam!
Der Schrecken verliert sich vor Ort – Monika Held
So lange habe ich versucht, für dieses Buch Worte zu finden, die meine Bewegtheit einfangen konnten. Am Ende fand ich nur diese Wortsplitter. Erschütternd, andere Perspektive, intensiv, danach vor den Scherben sitzen, noch lange nicht vorbei, kraftvolle Sprache, karg, heftig. Nach diesem Buch konnte ich drei Tage kein neues Buch anfangen – eine Seltenheit…
Silver Linings – Matthew Quick
Ich werde mir den Film wohl noch einmal ansehen. Ich glaube, dass dieses Buch als Film hervorragend funktionieren kann und mich auch berühren wird. Als Buch kam es nicht recht an mich heran, ich fand irgendwan den Tonfall des Protagonisten so anstrengend, es zog sich. Wie gesagt – die Grundidee ist klasse, die Motive werden in bewegten Bildern sicherlich etwas für mich sein.
Der Liebe eine Stimme geben – Lisa Genova
Bücher über Autismus sind immer wieder in meine Hände geraten, es ist ein Thema, dass mich, gerade weil es soviele Arten und Verläufe gibt, sehr umtreibt. Genova hat als Psychologin sicherlich den Hintergrund, um solch einen Roman schreiben zu können und die Schilderungen aus Sicht des jungen Autisten haben mich sehr angesprochen. Sie bedient sich allerdings noch einer zweiten Komponente, die ich als eher schwierig empfunden habe, denn ihre Bücher sind eigentlich nicht dafür bekannt, übersinnliche Elemente zu enthalten. Diesmal schienen sie nötig, um die Geschichte abzurunden, ich wünschte allerdings, sie hätte darauf verzichtet.
Mehr als nur ein halbes Leben – Lisa Genova
Erneut wendet sich Lisa Genova einem schweren Schicksal zu – in diesem Roman ist es Sarah, die als Folge eines Unfalls einen linksseitigen Neglect zurückbehält. Ihr ganzes Leben – vorher genau getaktet, um Arbeit, Kinder, Ehemann und Gesellschaftliches unter einen Hut zu bekommen, ist so nicht mehr lebbar. Wenn das, was uns ausmacht und worauf wir stolz sind, aufgrund unserer körperlichen Verfassung nicht mehr möglich ist – was bleibt dann von uns? Diese Lektion muss Sarah auf die harte Tour lernen. Für mich nicht ganz so packend wie “Still Alice”, dennoch lesenswert.
Sommertöchter – Lisa-Maria Seydlitz
Eine Familiengeschichte im Sommerhaus – vom Finden, vom Verlieren, man spürt den Wind in den Haaren und den Sand unter den Füßen. Und auch wenn viele Fragen bleiben, so hat man doch am Ende ein wenig das Gefühl, die Sommertöchter haben etwas von sich selbst wiedergefunden.