Ein ungezähmtes Leben – Jeannette Walls

Ich habe „Ein Schloss aus Glas“ geliebt. Und dementsprechend Angst gehabt, vor Walls nächstem Buch. Kann es überhaupt ähnlich gut sein? Worüber wird sie schreiben? Walls hat sich für die Geschichte ihrer Großmutter, Lily Casey Smith entschieden, auch aus der Sicht von Lily selbst erzählt. Auch wenn die Autorin einiges fiktives einfliessen läßt, die Eckpunkte der Biographie stimmen soweit – vieles hat Walls aus Gesprächen mit ihrer Mutter herausgefiltert. Und sie erzählt wieder – sooo hinreissend. Ich bin begeistert von dieser ungewöhnlichen Frau, die wirklich ein unangepasstes, ganz eigenes Leben geführt hat – voll mit Arbeit, Umzügen, Neuorientierungen und Rückschlägen, quer durch die USA – man langweilt sich keine Minute. Und obwohl einige Episoden, wie das Leben auf einer Ranch, mich im normalen Leben sehr selten interessiern – Walls schafft es, das ich alles aufsauge und nach mehr rufe! Alle Fans von ihrem ersten Werk werden sich außerdem darüber freuen, das man noch mehr Einblick in die Jugend von Walls‘ Mutter bekommt – es macht das ganze noch „dichter“.

Ein klasse Roman, man hat das Gefühl das Lily neben einem auf einem Pferd reitet und Dir ihre Lebensgeschichte erzählt – immer noch kein bisschen müde und immer noch voller Hunger auf das Leben!

Kaputte Suppe – Jenny Valentine

Einfühlsam erzählt Valentine die Geschichte von Rowan, die eigentlich völlig damit beschäftigt ist, nach dem Tod ihres Bruders die Familienstruktur aufrecht zu erhalten – sich um ihre kleine Schwester zu kümmern und den Zustand ihrer Mutter zu „vertuschen“, die schwer depressiv kaum noch am Leben teilnimmt. Als sie von einem unbekannten Jungen ein Foto-Negativ geradezu aufgedrängt bekommt, verändert dieses Foto alles und Rowan lernt durch das Foto Bee, eine ungewöhnliche junge Frau und auch den Jungen, der ihr das Negativ gab, sehr viel besser kennen als sie es je geglaubt hätte.

Valentine hat ein Händchen für die Tragik die im Leben junger Menschen herrschen kann. Sie hat auch hier wieder bewiesen, wie großartig sie die Schwierigkeiten, die das Leben bietet in eine Geschichte verpacken kann, die den Leser anspricht und weiterlesen lässt. Ein ganz wunderbares Jugendbuch!

Achtung Baby! – Michael Mittermeier

Ich bin ja immer etwas skeptisch – nicht jeder Komiker kann auch schreiben. Und die Aufmachung des Buches sprach mich eigentlich auch nicht an. Aber nachdem ich es empfohlen bekam und  auf den ersten Seiten eine hinreissende Geschichte über Jagd auf Nahrung in der Schwangerschaft („Fleisch – sofort!!!“) fand, meinem Mann vorlas und der nur nickte und meinte „Da hat der ziemlich recht!“  musste das Buch mit. Ein unterhaltsames Werk, Mittermeier nimmt sich netterweise auch selbst aufs Korn und vermischt seine eigenen Erfahrungen mit denen aus dem Bekanntenkreis und einigen Stücken aus seinem Bühnenprogramm. Sympathisch geschrieben und einige Male musste ich wirklich laut lachen – genau so isses! Die Pointen sind nicht zu flach und mit vielem hat er den Kern der Sache getroffen – und nimmt vorallem alles mit Humor – wohl der beste Tipp an werdende Eltern…;-)

Vatermord und andere Familienvergnügen – Steve Toltz

Was für ein Roman! Nicht nur das er ziemlich dick ist, nein, er ist auch wirklich ein beeindruckendes Debüt eines Australiers! Der gute Herr Toltz hat ein klasse Leben vor sich, wenn er so weiterschreibt. Dieser Roman hat alles – irrwitzige Ideen, eine Verbrecher-Geschichte in der nichts so ist, wie es auf den ersten (einfachen) Blick scheint, Vater-Sohn-Erlebnisse der ganz anderen Art und viel philosophischen und skurrilen Witz. Ich habe viel gelacht, den Kopf geschüttelt, habe das Buch ungern weggelegt. Der Autor wechselt zwischen einigen Erzählpassagen hin und her – zu meinen Lieblingen gehört definitiv der Anfang, der als Erzählung des Vaters an den jungen Sohn gestaltet ist, als er ihn darüber aufklärt, das sein Onkel einer der meistgesuchten Verbrecher Australiens war… Erfrischend und so voller Charme des unangespassten. Mich hat das Buch durchweg begeistert, auch wenn Toltz an einigen wenigen Stellen etwas in Nebenhandlungen abgleitet, so bereiten diese nur den Weg zum furiosen Finale und müssen im Nachhinein genau dort stehen. Ein Feuerwerk, das sich perfekt über 800 Seiten selbst abfackelt…;-)

Zeit der Gespenster – Jodi Picoult

Diese Picoult hat mir wieder deutlich besser gefallen! Die Figuren sind zwar nicht ganz so stark gezeichnet wie in anderen Werken von ihr, aber das ist auch nicht unbedingt notwendig – der Spannung tut es wenig Abbruch. Wie der Titel schon ahnen läßt, dreht sich das Buch unter anderem um übersinnliche Phänomen – oder Gespenster, wie man es auch nennen mag. Ein bisschen darauf einlassen muss man sich schon – dann erzählt Picoult wieder eine meisterhaft verknüpfte Geschichte, zwischen Gegenwart und Zukunft, Liebe und Sterben, vermischt mit der Kultur eines alten Indianerstammes und einem recht unbekannten Kapitel amerikanischer Geschichte: einem Eugenik-Projekt, das sich unter anderem mit dem Sterilisationsgesetz und Minderheiten der Bevölkerung auseinandersetzt – gewohnt heißes Eisen für Picoult. Gerade diese Episoden, deren Handlungsstränge bis in die heutige Zeit zu künstlicher Befruchtung und Forschung reichen sind hochinteressant.Das Buch hätte auch noch 100-200 Seiten länger sein können, um die ganze Komplexität noch mehr zu erfassen. War sehr schnell durchgelesen, Picoult lässt einen einfach nicht los – echte Schmöker!

Wir tun uns gut: Das Wohlfühlbuch für Schwangere – Jennifer Louden

Das dieses hervorragende Buch vergriffen ist, ist sehr, sehr schade. Ich habe einiges an Schwangerschaftsliteratur gelesen, tolle, informative Bücher. Aber die seelische Seite der Schwangerschaft, die Gefühle der Mutter und des werdenden Vaters, alles was da so auf einen einprasselt – das hat mir dieses Buch nahegebracht. Es ist sehr liebevoll geschrieben ohne dabei betulich zu wirken – es ist ein toller Ratgeber, eine beste Freundin, hat viele Anregungen für Übungen, egal ob man durch Schreiben oder andere Hilfsmittel lernt, mit all diesen Veränderungen umzugehen.Ob es jetzt um die Kleiderfrage, die Geburt, die Stimmungsschwankungen, die Einstellung zum eigenen Körper oder Überforderung in den ersten Wochen geht – das Buch geht alle Aspekte an, ohne zu beschönigen, aber auch ohne Horrorvisonen.

Ausserdem hat das Buch Humor und vermittelt einem eine gewisse Gelassenheit und das man mit all dem nicht alleine da steht und schon garnicht verrückt ist…auch wenn sichs manchmal so anfühlt. Für mich bisher das Buch in dem ich am meisten geblättert habe, in dem sehr viele Post-Its stecken, ich wahnsinnig viel angestrichen habe und auch mitgenommen habe.

Ich würde es jeder Freundin zur Schwangerschaft schenken: als Hilfe, als Wegbegleiter, als Idee, als liebevolle Geste! Wer es sich gebraucht besorgen kann, sollte das tun!

Umgarnt – Kate Jacobs

Die Fortsetzung von „Die Maschen der Frauen„. Wieder begegnen wir den Mitgliedern des Strickclubs, allerdings einige Jahre später. Da man nicht viel sagen kann ohne zu spoilern, halte ich es kurz: alle sind älter geworden, es gibt einiges an Veränderungen in den  Freundschaften – insgesamt bricht das vertraute Gefüge auf und macht Platz für neues. Es war als Fortsetzung in Ordnung, interessant zu erfahren, was die Zukunft bereithielt, für einen netten Nachmittag in der Badewanne. Mehr aber leider auch nicht – der Erstling hatte für mich doch deutlich mehr Charme.

Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdiziplin – Kathrin Passig/Sascha Lobo

Die beiden Autoren befassen sich bei diesem Sachbuch vorallem mit dem Begriff des http://de.wikipedia.org/wiki/Prokrastinieren. Aufgelockert durch einige Beispiele, aber auch relativ ernsthaft, wird hier teilweise fast schon philosophisch versucht zu ergründen, wo er denn liegt, der schmale Grad zwischen „zuviel“ und „zuwenig“ tun. Klar ist einiges überzogen, aber es waren doch viele „AHA“-Erlebnisse für mich dabei und ich hab viel angestrichen. Es ist ein wenig der Gegenentwurf zu Selbstdisziplin, geregelten Haushaltplänen, trotz allem aber keine Totalverweigerung. Warum To-Do-Listen manchmal mehr hindern und manches sich von selbst erledigt, wenn man nur lange genug wartet – und warum „Aufschieben“ nicht unbedingt etwas schlechtes bedeuten muss. Auch die Anfänge der Überlegungen zur Arbeit an sich, der 4-Tage-Woche und dem „Weniger-ist-mehr“ habe ich sehr gerne gelesen (und würde davon gerne noch mehr lesen…) Wer einen „richtigen“ Ratgeber sucht ist sicher falsch. Dieses Buch gibt eher Anhaltspunkte, Ideen, Theorien. Diese haben mich aber sehr gut unterhalten und zu einigen Teilen auch Einzug in mein Leben gehalten.

Danke an meinen Bruder, der mir dieses Buch innig ans Herz gelegt hat und nach den Regeln der Autoren, soweit ich das beurteilen kann, wirklich „Die Dinge geregelt bekommt“ – ohne das es sehr stressig aussieht…;-)

Engel des letzten Tages – Michal Viewegh

Dieses Buch habe ich aus der Verlagsvorschau „gefischt“ allein wegen des wunderschönen Covers. Und gut das dies passierte – eine kleine Perle dieses Buch! Viewegh beschreibt eine kleine Gruppe von Engeln in Prag, deren Aufgabe es ist, die Menschen in ihren letzten Stunden vor ihrem Tod zu begleiten. Und das tun diese nicht unbedingt auf die übliche Weise – da wird durchaus mit dem eigenen Schicksal gefochten – wieviel darf man den Sterbenden noch „helfen“ in Ordnung zu bringen? Wer bestimmt die Lebensdauer? Die Schicksale der Sterbenden sind miteinander verwoben – und obwohl das Buch einige Tränen hat rollen lassen, so gab es doch wunderschöne Momente der Hoffnung, wenn die Engel noch durch scheinbare Kleinigkeiten, das Leben der Überlebenden verändern…

Hat mir sehr gefallen und wird sicher einige Male verschenkt werden…

Der Himmel ist blau, die Erde ist weiss – Hiromi Kawakami

Dieses Buch wird untertitelt mit „Eine Liebesgeschichte“ – und was für eine! Bin ja ein Fan von japanischen Liebesgeschichten, sind die Rituale des umeinander werbens, des Gespräches, der Annäherung doch so ganz anders als hier in Deutschland. Ich tauchte in dieses Buch ein, ließ mich von der Poetik der Sprache verzaubern, faszinieren vom Umgang der Liebenden miteinander und verliebte mich – in dieses Buch.

Eine wunderbare Geschichte, die mich zum Schwärmen und zum Weinen brachte, ohne das sie jemals ins kitschige abgleiten würde. Klare Empfehlung für alle mit Frühlingsgefühlen – noch dazu ist die Taschenbuchausgabe von DTV in gewohnter Weise mit einem sehr passenden Cover versehen worden. Also auch äußerlich ein Genuß!

Und vielleicht nicht für jeden so wichtig, für mich aber eine Erwähnung wert: ich mag die intensiven Beschreibungen, wenn es ums Essen geht. Und da das japanische Essen sich ja doch grundlegend von der westlichen Küche unterscheidet, habe ich diese Passagen besonders genoßen…