Jakobs Mantel – Eva Weaver

Als ich die ersten Seiten dieses Romanes einer lieben Freundin am Telefon vorlas, hatten wir beide Gänsehaut. Und diese hält sich den ganzen Roman über. Die Geschichte eines Mantels und seiner mutigen Besitzer geht unter die Haut, die Schrecken werden lebendig. Was die Autorin aber vorallem schafft und das rechne ich ihr hoch an, ist eine Geschichte zu erzählen mit vielen Grautönen zwischen Schwarz und Weiss. Das ist, gerade bei diesem Thema, eine Gratwanderung, die sie schafft – allein dafür gebührt ihr schon mein Dank. Was für ein berührendes und großartiges Buch –  Ein Buch über Menschlichkeit in tiefster Dunkelheit!

Pardon, Monsieur, ist dieser Hund blind? – Hervé Jaouen

Eine sensible Auseinandersetzung im Jugendbuch mit dem Thema Alzheimer. Lebensklug und liebevoll geschrieben, erzählt das Buch von einer Familie, die zusammenhält, auch wenn die Großmutter durch die Krankheit die Nerven aller ordentlich fordert – trotzdem verlieren die Beteiligten nicht ihren Humor und erfahren durch die neue Situation eine ganz neue Rolle innerhalb der Familie. Tolle Umsetzung eines schwierigen Themas.

Wunder – Raquel J. Palacio

Dieses Buch nimmt einen von der ersten Seite an für sich ein. Der Ich-Erzähler August, der sein Aussehen so beschreibt, dass man es sich nichtmal so schlimm vorstellen könnte, wie es wirklich ist. Sein Gesicht ist von Geburt an und trotz vieler Operationen „entstellt“ und August muss von Kindesbeinen an Blicke, Geflüster, Lästereien und Unsicherheiten erleben. Was dieses Buch besonders macht? Zum einen ist es August, der sich dem ganzen unerschrocken stellt und auch nach Tiefschlägen wieder aufsteht und eine erstaunliche Sicht der Dinge aufweist. Aber auch die Menschen, die mit August in Kontakt stehen, kommen zu Wort und so ergibt sich für den Leser eine Sicht auf das grosse Ganze. Zum Schluss hin standen mir die Tränen in den Augen und ich dachte noch: Mensch, das ist jetzt aber ein wenig dick aufgetragen. Und dann dachte ich: Was für ein Blödsinn. Ich will solche Bücher! Ich will Bücher die mich zum Weinen bringen, Bücher wo ich die Hand in die Luft strecke, zur Faust geballt und JAAAA brülle, weil es sich gut ausgeht. Weil es mich berührt, weil ich will, dass solche Dinge geschehen und passieren können und dass es stets Menschen mit großen Herzen und klugem Verstand geben wird. Oh ja!

Blasmusikpop – Vea Kaiser

Ich hatte das Buch bei den Leseexemplaren gesehen. Den Titel fand ich gewöhnungsbedürftig, das Cover ziemlich schlimm und ich dachte: „Naja, nimmste es mal mit, liest 30 Seiten und dann weisst Du auch, dass es nichts für Dich ist“ … tja, Pustekuchen! Ich habe es ganz gelesen, sehr schnell und mit wachsender Begeisterung – würde John Irving Heimatromane schreiben, er klänge ein wenig wie Vea Kaiser (die auch allen Ernstes zwei Jahre jünger ist als ich und schon so einen Wahnsinnsroman vorlegen kann, das deprimiert mich ein wenig…also, ich sollte mich mal ranhalten!). Was für ein herrlicher, herzerfrischender Roman, schräg aber mit viel Liebe zum Detail und den Menschen des kleinen Bergdörfchens St. Peter am Anger. Mir bleibt nur zu sagen: Dieses Buch ist so gut, wie die Alpen hoch sind, jawohl!

Kapital – John Lanchester

Ein opulenter Roman – nicht nur durch seine Dicke, auch durch die Fülle an Personen und Themen, die Lanchester hier versammelt. Der Klett-Cotta-Verlag mausert sich in letzter Zeit immer mehr zu einem Verlag, den ich im Auge behalte und auch mit diesem Buch hat er seinen Status wieder untermauert. Ein Kaleidoskop an Menschen, alle verbunden durch ihren Wohnort: die Pepys Road in London. Und durch eine Karte im Briefkasten, auf der geschrieben steht „Wir wollen, was ihr habt!“ – Werbegag, Drohung, Scherz oder geht es, wie so oft in diesen Tagen, einfach nur um Geld? Die Bewohner haben alle so ihre eigene Art, mit der ungewohnten Post umzugehen. Als Leser folgt man mit einem gewissen Vergnügen den ganz unterschiedlichen Lebenswegen, bangt, amüsiert sich, hält den Atem an – und fühlt sich zum Schluss einfach richtig gut unterhalten!

Landgericht – Ursula Krechel

Momentan stecke ich in diesem Buch fest. Und das ist nicht negativ gemeint. Es ist nur so, dass man Zeit und Ruhe zum Lesen braucht. Nach manchen Abschnitten muss ich das Buch einfach weglegen und verschnaufen, wirken lassen, drüber nachdenken. So liest es sich recht langsam, aber es brennt sich ein. Das Buch spielt ja nach dem zweiten Weltkrieg und die Atmosphäre haut einen wirklich um, verpasst mir sehr viel Stoff zum Nachdenken und ein ständiges innerliches „Gut, dass jemand sich damit auseinandersetzt – ein wichtiges Buch“-Nicken. Auch nachdem ich das Buch beendet hatte, hallte es lange nach. Seine reduzierte, sachliche Sprache, die dem Buch öfter angekrittelt wurde, war für mich das Besondere, das Wichtige: die schrecklichen Geschehnisse wirken, so völlig unverkleidet, um vielfaches stärker, bleiben beim Leser, nehmen einen gefangen. Auch das Erlebnis, Ursula Krechel selbst über das Buch sprechen zu hören, hat es für mich zu einem preiswürdigen Buch gemacht – als der Deutsche Buchpreis dann wirklich an sie vergeben wurde, habe ich gejubelt – die Auszeichnung ist sehr verdient!

Gleitflug – Anne-Gine Goemans

Ich liebe ungewöhnliche Figuren mit seltsamen Hobbies an schrägen Orten in einem Buch. Somit waren die Gegebenheiten von Gleitflug für mich einfach perfekt: ein Junge dessen Haustiere sich als Gänse herausstellen – welche nicht fliegen dürfen, weil die Familie direkt an einem Flughafen wohnt. Aber es wäre zu kurz gefasst, nur das ungewöhnliche herausstellen zu wollen: Gleitflug ist mehr als das: es ist ein Familienroman, eine Geschichte von Freundschaften und Aussenseitern, von Liebe und Sehnsucht, von Einsamkeit und kleinen, zerbrechlichen Momenten des Glücks. Unbedingt lesenswert!

In einer Person – John Irving

Mit diesem Irving war es wie mit einem alten Ledersofa: draufsetzen, sich heimelig fühlen, jede Falte kennen, über den Stoff streichen…und sich doch vielleicht mal ein wenig Abwechslung wünschen. Auch wenn ich noch nicht alle vorigen Bücher von John Irving kenne, begegnen mir doch in diesem Buch soviele alte Bekannte, Themen und Motive aus vorigen Büchern, dass ich ein kleines bisschen enttäuscht war, weil es mich nicht mehr so „zog“. Trotzdem: ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen und gerade die Theaterbezüge konnten mich begeistern, genauso wie die wunderbare Bibliothekarin, mit der Irving wieder eine herrliche Figur geschaffen hat.

What we talk about, when we talk about Anne Frank – Nathan Englander

Ein Buch, das lange nachhallt ist für dieses Werk fast zuwenig gesagt – an einige Geschichten erinnere ich mich nach Monaten noch und an das Gefühl der Gänsehaut und Bewegtheit beim Lesen. Ich bin kein großer Kurzgeschichtenfan, diese haben mich aber nicht nur begeistert, sondern auch nachdenklich werden lassen. Das Buch habe ich mehrfach verschenkt, behandelt es doch soviele große Themen: Schuld, Verantwortung, Liebe, Freundschaft, Sterben, Gerechtigkeit und den Spagat, den wir alle in der heutigen Zeit zwischen Ethik, Moral, unserer Geschichte, Religion und dem Zeitgeist machen. Sehr, sehr beeindruckend und ganz sicher nicht mein letztes Buch dieses Autors.