Gargoyle – Andrew Davidson

Ein schwer zu beschreibendes Buch. Keine wirkliche Fantasy, aber auch nicht „real“ genug um rein als normaler Roman gehandelt zu werden. Davidson vermischt die Lebensgeschichte seines Protagonisten, einem Brandopfer das sein Schicksal kaum zynischer bewerten könnte, mit der Geschichte einer ungewöhnlichen Bildhauerin, Marieanne Engel. Diese steht eines Tages am Krankenbett und behauptet, beide würden sich schon lange kennen – aus früheren Leben, wo beide ein Liebespaar waren. Der Autor benutzt Rückblenden, Rauschzustände und Erzählungen um so nach und nach ein irrwitziges Konstrukt zu bauen – und nicht nur der Leser fragt sich – wieviel davon ist „wahr“? Ist Marieanne Engel wirklich so alt oder hat sie einfach nur eine wahnsinnige Vorstellungskraft, vermischt mit Geisteskrankheit?

Ich habe mich etwas schwer getan, dennoch zu Ende gelesen, was für mich bei fast 600 Seiten durchaus ein Merkmal dafür ist, das es mir stellenweise sehr gefallen hat. Allerdings ist die Geschichte zeitweise wirklich sehr abgedreht und nicht jedermanns Sache – auch die einzelnen Erzählperspektiven haben unterschiedliches Kaliber.

Wer gern ungewöhnliches liest, eine Vorliebe für Sagen und Historisches hat und viel Sarkasmus, dem sei Gargoyle durchweg empfohlen. Wer eine innige Liebesgeschichte erwartet, wie es zum Teil beworben wird, dem würde ich eher etwas anderes in die Hand drücken.

Das Gespenst von Canterville – Oscar Wilde

Ein feines, kleines Buch von Großmeister Oscar Wilde. Dieses las ich im Zuge einer „Wir lesen Klassiker“-Gruppe – schadet ja nie, sowas mal einzustreuen. Zumal ich großer Wilde-Fan bin. Und auch hier wieder: ich liebe die Sprache, die Beschreibungen der Umgebung, Wildes Gabe, mit feinen Strichen die Charaktere der Familie nachzuzeichnen – und ein ungewöhnliches Gespenst bei dem man zwischen Lachen und Mitleid schwankte. Zwar war ich zum Schluß hin etwas erstaunt über das gewählte Ende, jedoch, nachdem es sich setzen konnte, kann ich Wilde verstehen – so hat er dem ganzen doch noch die Prise „geheimnisvoll“ verliehen.

Das Buch wartet mit wundervollen Sätzen wie „aber sonst ereignete sich nichts von besonderer Bedeutung“ auf und Worten wie „Butterrutschbahn“ und einem in Filzpantoffeln spukenden Gespenst..was will man mehr?

Danke an Christine fürs Gründen der Klassiker-Gruppe!

Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück – Francois Lelord

Dieses Buch stand seit über einem Jahr harmlos im Regal herum. Nun hatte es mich gefunden und auch genau die richtige Zeit um es zu lesen…mir hat es sehr gefallen. Ich denke vieles was Hector, der Psychater auf seiner Reise herausfindet, wussten wir im tiefsten Inneren schon, aber wie wir Menschen so sind – wir schauen gerne anderen dabei zu, wie sie etwas herausfinden und haben Erkenntnisse gerne schön verpackt. Wenn man danach geht hat dieses Buch aber eine doppelte Schleife und schönes Geschenkpapier gehabt.Die Schreibweise ist gekonnt naiv, aber nie zu einfach – aber gerade durch diesen Kunstgriff wirken die Glückslektionen von Hector nur noch mehr. Auch wenn ich Hector an wenigen Stellen aus eigener Erfahrung innerlich widersprach, so habe ich dieses Buch doch innig ans Herz gedrückt und so einige Menschen, denen ich dieses Buch gerne schenken möchte.

Märchenprinz – Marian Keyes

Mir war mal wieder nach einem echten, sogenannten „Frauenroman“ – da bietet sich Marian Keyes als eine meiner liebsten Autorinnen in diesem Sektor ja an und dieses Buch war mit etwas über 850 Seiten ja auch ein echter Schmöker. Es ist nicht mein liebstes von ihr geworden, aber für graue Februartage auf dem Sofa und zum Abschalten war es genau das richtige und dank ihrer immer schön ausgefallenen Figuren und der netten irischen Atmosphäre hebt es sich doch angenehm von anderen Büchern ab. Besonders gefällt mir, das Keyes immer wieder Themen wie Gewalt, Drogen oder Alkoholismus einfliessen lässt und dabei nicht auf „Eitel Sonnenschein“ besteht.

Ein geschenkter Tag – Anna Gavalda

Gavalda ist zurück und zwar so, wie wir sie lieben. Mit leiser Ironie, herrlich französisch und es bringt schonmal einen Hauch von Sommer…. Dieses Buch erzählt von einem geschenkten, ich mag fast sagen, einem geklauten Tag. Schon die ersten Seiten offenbaren den wundervollen Stil Gavaldas und das Buch verzaubert mit der Geschichte der 4 unterschiedlichen Geschwister und ihrem Leben. Ein Geschenk für die beste Freundin, die Schwester, die Mutter, die liebenswerte Arbeitskollegin – ach was, alle sollten in den Genuß dieses Buches kommen…!!!

Süchtig nach dem Sturm – Norman Ollestad

Ein beeindruckendes Buch, noch mehr wenn man bedenkt, das Ollestad hier eine wahre und vorallem: seine eigene Geschichte erzählt. Wie er mit 11 Jahren als einziger einen Flugzeugabsturz überlebt, das allein ist schon sehr beeindruckend, seine Schilderung, wie er es schafft, in einer Gebirgskette und völlig vereisten Höhen wieder in flachere Gefilde zu gelangen – ein halbes Wunder. Dazwischen erzählt Ollestad von seiner Jugend, die von Sport (Eishockey, Skifahren und Surfen) geprägt war, vorallem durch seinen Vater, der ihn zu all diesen Sportarten ehrgeizig antrieb. Dieses Buch ist also noch mehr: eine Vater-Sohn-Beziehung die ein jähes Ende nimmt, als der Vater beim Absturz ums Leben kommt. Dieses Zusammenspiel und auch die Fragen, die Ollestad aufwirft, ob er durch seine Jugend auf diesen Abstieg vorbereitet wurde, wie wir unsere Kinder vorbereiten können – wie er den Ehrgeiz seines Vaters damals erlebte – das ist packender als so mancher, komplett erfundender Roman.Mich hat er danach jedenfalls noch sehr lange beschäftigt…

Ich empfehle auch hier den http://www.youtube.com/watch?v=jFg-HtYcSXQ bei youtube mit einem Interview des Autors – sehenswert!

Axolotl Roadkill – Helene Hegemann

Schwer zu diesem Buch noch ansatzweise unbefangen etwas zu sagen, nachdem die Wellen hochschlagen. Ich habe es einige Tage vor dem Kopier-Skandal gelesen und kann meine Erfahrung eigentlich kurz zusammenfassen: ein paar schöne Sätze und Beschreibungen drin, sehr weit weg von meiner Welt und die Frage ist: kann jemand, der vieles davon angeblich nicht erlebt hat, dann authentisch darüber schreiben? Als Film wäre dieses Buch sicher nochmal anders zu werten, oft kam es auch vor, das ich gewisse Passagen eher als filmisch beschrieben empfand (wenn man Hegemanns Werdegang betrachtet auch kein Wunder). Mein Fazit ist eigentlich: Kann man lesen, hat nichts mit Feuchtgebiete zu tun, wenn man es nicht liest hat man aber auch nichts verloren.

Zum Skandal an sich kann ich nur sagen: Klauen gehört sich nicht. Und Dreistigkeit siegt zum Glück nicht immer. Aber auch hier wurde das letzte Wort noch nicht gesprochen und ich bin gespannt auf weitere Entwicklungen!

Das Regenorchester – Hans-Jörg Schertenleib

Zwei wunderschöne Geschichten werden hier verwoben: die des Schweizer Schriftstellers, der nach Irland ausgewandert ist um hier zum Schreiben zu finden. Nachdem seine Frau ihn verlässt, trifft er auf Niahm, eine etwas rätselhafte Irin, die ihn, es scheint fast so als spüre sie, er braucht eine Aufgabe, zum Chronisten ihres Lebens macht. Wunderschöne Sprache, die Verletzbarkeit einer Trennung fast zu schmerzlich geschildert… Mit der Lebensgeschichte von Niahm entsteht vor einem ein ganzes Leben das nicht immer war, wie es sein sollte. Wer von beiden mehr von dieser Freundschaft hat, weiss man garnicht zu sagen. Traurig, schön und ein aussergewöhnliches Buch, das in einer Ecke Hoffnung aufblitzen lässt…

Becks letzter Sommer – Benedict Wells

Ich kann mich hier kurzfassen: dieses Buch muss in jede Reisetasche im Sommer 2010. Wells schreibt rasant und mit einer Kraft, das man von Anfang an gefesselt ist, von der Geschichte des Lehrers Beck, der statt mit eigener Band durchzustarten, dann doch „nur“ Lehrer wurde. Liest sich super, lässt einen laut lachen und mitleiden, ob der obskuren Entwicklungen, die schlussendlich zu einem Roadtrip quer durch Europa führen…die kleine Anmerkung sei mir erlaubt, das ich zuerst nach Beenden des Buches etwas enttäuscht war, das Beck das rasante zum Schluss hin verlor, fast schon unerträglich langsam wurde und so einige schriftstellerische „Breaks“ drin hatte. Nach einer Nacht darüber schlafen bin ich jedoch froh darum – die Schreibweise hat sich der Entwicklung des Romans angepasst – Beck würde sagen – ein langsames „fade out…“